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Als Großbritannien zur Insel wurde

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 18.04.2017 13:47

Seit dem Pleistozän sind die britischen Inseln vom Rest Europas getrennt, doch wie und wann es dazu kam, ist nicht genau bekannt. Zur Wahl steht die stetige Erosion des Gebirgskamms, der einst die Straße von Dover versperrte, oder seine Zerstörung durch katastrophale Überschwemmungen. Ein Team aus britischen, französischen und belgischen Geowissenschaftlern legt jetzt in "Nature Communications" Belege für die katastrophale Version der britischen Abkoppelung vor.


 Künstlerische Darstellung der Flut, die den Gebirgskamm im Ärmelkanal durchbrach. (Bild: Imperial College London/Chase Stone)

Künstlerische Darstellung der Flut, die den Gebirgskamm durchbrach. (Bild: Imperial College London/Ch. Stone)

Mit gigantischen Wasserfällen wurde einst die Trennung der Insel Großbritannien vom Rest Europas eingeleitet. Bis vor rund 160.000 Jahren verband ein Gebirgszug den südenglischen Weald mit dem Artois in Nordostfrankreich, seine Reste sind heute noch an der Straße von Dover zu sehen: die berühmten weißen Kliffs auf englischer Seite und ihr nicht ganz so berühmtes Pendant auf französischer Seite, das Cap Blanc-Nez. Britische, französische und belgische Wissenschaftler haben jetzt die Indizien zusammengetragen, die im Meeresboden des Ärmelkanals dafür sprechen, dass der Gebirgszug während des Pleistozäns durch gewaltige Flutwellen durchbrochen wurde, so dass die britische Insel vom Rest des Kontinents getrennt wurde.

Überblick über den Ärmelkanal und die Straße von Dover. (Bild: Nature/Imperial College/Sanjeev Gupta/Jennifer Collier)In "Nature Communications" hat die Arbeitsgruppe unter Leitung des Sedimentologen Sanjeev Gupta vom Imperial College in London eine gründliche Auswertung der aktuell verfügbaren bathymetrischen Daten über die Straße von Dover vorgelegt. Sie stützt eine Hypothese aus den 80er Jahren, dass der Durchbruch des Kalkgebirges durch katastrophale Megafluten zustande kam und nicht das Produkt einer langdauernden Erosion ist. Der Weald-Artois-Antiklinale genannte Gebirgskamm entstand, als sich durch die Kollision von Afrika und Europa die Alpen herausbildeten. Die Energie des Zusammenstoßes ließ auch in weiter entfernten Regionen des Halbkontinents Berge und Hügel entstehen, wie eben im Gebiet des heutigen Ärmelkanals. Im Pleistozän wirkte der Gebirgszug als Damm, der einen gewaltigen See aufstaute. In ihn ergossen sich alle Flüsse Englands und Nordwesteuropas, zusätzlich sammelte sich das Schmelzwasser darin, was von den gewaltigen Gletschern herabfloss, die Skandinavien und den Rest des Nordens bedeckten.

3D-Bild von Wasserfall und Auskolkung im Ärmelkanal. (Bild: Nature/Imperial College/S. Gupta/J. Collier)Dieser Damm zwischen Dover und Calais wurde zum ersten Mal vor rund 450.000 Jahren angegriffen. Irgendwann erreichte der Wasserstand des Sees den Kamm des Kalkgebirges und begann überzulaufen. "Wir wissen immer noch nicht genau, warum der See überlief", sagt Jenny Collier vom Imperial College, "vielleicht ist ein Teil der Eiskappe über Nordeuropa abgebrochen und ins Wasser gestürzt." Auf jeden Fall sind offenbar an mehreren Stellen des Gebirgskamms große Wasserfälle entstanden, die viele Dutzend Meter hoch waren. Denn am Meeresgrund des Ärmelkanals sieht man die Löcher, die das herabstürzende Wasser in den Untergrund gespült hat. Diese insgesamt sieben Auskolkungen der Fosse Dangeard wurden bereits in den 80er Jahren entdeckt, als die Erkundungen für den Kanal-Tunnel liefen. Es sind bis zu 100 Meter tiefe Löcher, die mittlerweile mit Sediment gefüllt sind, aber wegen dieser Füllung nicht so belastbar sind wie der Rest des aus der Kreidezeit stammenden Gesteins. Wegen der Fosse Dangeard musste daher der Kanaltunnel verlegt werden.

Bathymetrie des Ärmelkanals in der Straße von Dover. (Bild: Nature/Imperial College/Sanjeev Gupt/Jennifer Collier)Die Auskolkungen im Ärmelkanal zeigen nach Ansicht von Gupta, Collier und ihren Kollegen, dass der überlaufende Paläosee in der südlichen Nordsee langsam die Kante des Kalkdammes erodierte, denn die jüngeren der sieben Löcher befinden sich weiter östlich. Dennoch hatte der Gebirgszug weitere 300.000 Jahre Bestand. Vor 160.000 Jahren kam dann jedoch der endgültige Durchbruch, der heute noch erkennbare Lobourg-Kanal in der Straße von Dover zeigt den Lauf, den das Wasser damals nahm, noch heute an. Die Forscher vermuten, dass diesmal mehrere kleinere Seen überliefen und die bereits geschwächte Barriere endgültig einrissen. Der Lobourg-Kanal läuft in einem gewaltigen Netzwerk von Tälern aus, die den Untergrund im westlichen Ärmelkanal prägen. Bei ihnen dürfte es sich um die Ablaufrinnen der damaligen Fluten handeln. Mit dem Durchbruch vor etwa 160.000 Jahren wurde Großbritannien zur Insel.

Erosionslöcher, die vor 450.000 Jahren von Katarakten beim Überspülen des Gebirgskamms gerissen wurden. (Bild: Nature/Imperial College/S. Gupta/J. Collier)Die in "Nature Communications" präsentierte Chronologie ist derzeit noch ungesichert, denn außer den geophysikalischen Daten aus Seismik- und Echolot-Kampagnen gibt es keine Informationen vom Boden des Ärmelkanals. Um die Zerstörung des Kalkdammes zwischen Dover und Calais genau zu datieren, müssten die Geowissenschaftler Bohrproben aus dem Untergrund nehmen - in der am meisten befahrenen Schifffahrtsroute der Welt ein diffiziles Unterfangen.

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