Teamwork gegen den Bergrutsch
Hangrutschungen und andere „gravitative Massenbewegungen“ verursachen enorme wirtschaftliche Schäden und immer wieder Todesfälle. In der Schwäbischen Alb und in Südtirol erprobte das Projekt ILEWS neue Konzepte zum Schutz vor derlei Naturereignissen.
Gebirge und
Landschaften sind über Jahrmillionen entstanden, doch auch an ihnen nagt der
Zahn der Zeit. Regenfälle durchnässen das Erdreich und tragen es ab, Hitze und
Frost führen zu Rissen im Fels und vom Wind verwehte Gesteinsteilchen wirken
auf Dauer wie ein Sandstrahlgebläse. In Hanglagen gibt die Landschaft dem Zug
der Schwerkraft daher unweigerlich nach. Zuweilen geschieht dies nur im
Schneckentempo, manchmal jedoch plötzlich und mit katastrophalen Folgen.
Felsstürze, Rutschungen, Schwammlawinen und andere „gravitative
Massenbewegungen“ fordern weltweit immer wieder Menschenleben und verursachen
große wirtschaftliche Schäden. In dem vom Forschungsprogramm GEOTECHNOLOGIEN
geförderten Verbundprojekt „Integrative Landslide Early Warning System“ (ILEWS)
erkundeten Wissenschaftler neuartige Schutzvorkehrungen gegen solche
Naturereignisse. Dabei wurde ein Ansatz verfolgt, der neben technischen und
naturwissenschaftlichen Aspekten auch andere Gesichtspunkte einbezieht. „Nach
unserer Erfahrung gibt es technisch hervorragend ausgestattete Frühwarnsysteme,
die aber nur einen Teil der eigentlich erforderlichen Maßnahmen beinhalten“,
sagt der Geoforscher Prof. Thomas Glade, einst ILEWS-Initiator und
-Projektleiter und mittlerweile an der Universität Wien tätig. „Das war der
Grundgedanke, warum wir uns mit Fachleuten aus verschiedenen Disziplinen wie
Sozialwissenschaftlern, Historikern und Raumplanern zusammengetan haben, um ein
Frühwarnsystem aufzustellen, das auf einem integrativen Konzept beruht."
Jenseits von Messgeräten
Der Ansatz von ILEWS umfasst den gesamten Prozess vom Sensor bis zur Handlungsempfehlung. „Bei üblichen Frühwarnsystemen ist die komplette Kommunikationskette häufig nicht zu Ende gedacht. Erkenntnisse über Gefahren sind mitunter da. Aber die eigentlich Betroffenen erreicht eine Warnung nicht. Unser Konzept beinhaltet deshalb sowohl das Monitoring, als auch was mit einer Warnung geschieht“, erläutert Glade. „Das fängt damit an, dass man zunächst einmal die Akteure identifiziert.“ Das seien neben Anwohnern auch die Gemeindeverwaltung oder beispielsweise Versicherungen. Wer ist für den Katastrophenschutz verantwortlich? Welche Entscheidungswege gibt es? Wie sind die rechtlichen Rahmenbedingungen? Gibt es in dem betroffenen Gebiet wirtschaftliche Interessen? ILEWS setzte sich auch mit solchen Fragen auseinander. Koordiniert wurden diese Untersuchungen von einem Forscherteam um Prof. Jürgen Pohl von der Universität Bonn.
Ergebnisse von
ILEWS sind daher einerseits diverse technische Entwicklungen, etwa im Bereich
der Sensorik oder Datenverarbeitung. Anderseits beispielsweise aber auch ein
Leitfaden mit Empfehlungen, die beim Aufbau von Frühwarnsystemen grundsätzlich
beachtet werden sollten. Diese „Checkliste“ behandelt Aspekte der Raumplanung
und auch sozialpolitische und historische Gesichtspunkte, die sonst oft
vernachlässigt werden.
Forschung in alten Quellen
In diesem
Zusammenhang richteten die Forscher den Blick auch in die Vergangenheit. „Uns
war es wichtig, Expertise einzubinden, an die man zuerst gar nicht denkt. So
haben wir beispielsweise mit Historikern zusammengearbeitet“, erläutert Glade.
Ziel war es herauszufinden, wie die Menschen in früherer Zeit mit Naturgefahren
umgegangen sind. In den Untersuchungsgebieten von ILEWS – Schwäbische Alb und
Südtirol – konnten die Historiker Berichte über Rutschungen und ähnliche
Ereignisse bis ins 15. beziehungsweise 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Manche
bislang unbekannte Aufzeichnung kam dabei zutage. Die Suche war Detektivarbeit.
„Es gibt ja keine Naturchronik, in der man so etwas einfach nachschlagen
könnte“, so Glade. Als aufschlussreich hätten sich beispielsweise Abrechnungen
infolge von Ernteausfällen erwiesen. Für die heutige Wissenschaft sind solche
Quellen ein Datenschatz. „Wir können viel daraus lernen“, meint der
Geoforscher. „Es hat sich zum Beispiel herausgestellt, dass gravitative
Massenbewegungen in der Vergangenheit viel häufiger aufgetreten sind, als wir
gemeinhin vermuteten. Wobei man damals natürlich nicht von gravitativen
Massenbewegungen sprach. Man nutzte Begriffe, die heute nicht mehr geläufig
sind, wie etwa Bergschlipf. Um so etwas herauszufinden und alte Berichte
angemessen deuten zu können, sind Historiker gefragt."
Testgebiete
Verschiedenes
sprach dafür, ILEWS auf die Schwäbische Alb und das italienische Südtirol zu
fokussieren. „In beiden Regionen hatte es bereits Voruntersuchungen gegeben, so
dass wir mit der eigentlichen Arbeit direkt beginnen konnten“, sagt Glade.
Weiterer Grund: Die hier auftretenden Rutschungen sind langsam und
vergleichsweise ungefährlich. „Katastrophale Ereignisse könnten uns die gesamte
Instrumentierung zerstören“, gibt der Geoforscher zu bedenken. „Für ein
Forschungsprojekt wie ILEWS muss man daher in Regionen mit langsamen Phänomenen
arbeiten. Sonst hat man Schwierigkeiten, die technische Infrastruktur zu
entwickeln und zu testen.“ Grundsätzlich seien die von ILEWS entwickelten Ideen
jedoch für alle gravitativen Massenbewegungen geeignet. „Das Konzept ist
anwendbar in anderen Regionen. Darauf haben wir von Anfang an Wert gelegt“,
betont Glade. „Unser System eignet sich daher für alle gravitativen
Massenbewegungen. Das Einzige was man an die jeweilige Situation anpassen muss,
sind die Sensoren.“
Enormes Potential
In Deutschland ist die Gefahr durch gravitative Massenbewegungen gering. „Wir sind in der glücklichen Lage, dass es eigentlich keine Katastrophen gibt. Allerdings gibt es viele kriechende Ereignisse, beispielsweise in den fränkischen Weinbergen oder auch in Rhein-Hessen. Dort findet man zahlreiche Rutschungen, aber die sind vergleichsweise harmlos“, meint der Geoforscher. In anderen Regionen der Welt wie Neuseeland, Pakistan oder China seien gravitative Massenbewegungen jedoch eine ernsthafte Bedrohung. Das Interesse an einem integrativen Frühwarnsystem, das neben technischen auch andere Aspekte berücksichtige, sei deshalb groß. „Für die von ILEWS entwickelten Konzepte sehe ich enormes Potential“, unterstreicht Thomas Glade.
MN, iserundschmidt 12/2010
Mehr Informationen zum Projekt ILEWS finden Sie auf der Projektseite und auf den Seiten des GEOTECHNOLOGIEN-Programms.








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